Perfektes Chaos

Nun halte ich ihn in der Hand, den positiven Schwangerschaftstest. Er ist positiv, ich sollte völlig aus dem Häuschen sein, denn positiv ist doch echt positiv! Der Zeitpunkt ist gerade echt perfekt. Gibt es diesen besagten perfekten Zeitpunkt überhaupt? Ich war mir so sicher, denn es läuft doch alles bestens. Ich habe den Mann aller Männer, finanziell geht es uns gut, ich habe meine Karriere gut vorangebracht, meine Leben ausgekostet. Ich bin echt bereit – dachte ich zumindest bis zum Zeitpunkt der Bestätigung meines Testes. Kurz zuvor bin ich völlig aus dem Häuschen und jetzt stehe ich hier und empfinde unglaubliche Angst. Aber warum? Meine Gefühlswelt fährt Achterbahn.

Ich muss mich erstmal setzen. Ich hatte doch alles schon geplant, ich wusste genau wie alles läuft, sollte es mit dem Kind klappen. Ich bin ein Organisationstalent, ich bin ein Kontrollfreak, ich arbeite in einer der stressigsten Branchen und habe stets alles im Griff… jetzt sitze ich hier und habe das Gefühl ich habe gerade nichts mehr unter Kontrolle. Da kommt sie auf einmal wieder, diese unglaubliche Freude: Ich bin schwanger! Endorphine schütten sich über mir aus, ich bin wie in einem Rausch. Dann der plötzliche Absturz.

Soll ich es schon erzählen oder behalte ich es erstmal für mich. Ich sollte die besagten „kritischen“ zwölf Wochen abwarten. Ich kann es nicht jedem direkt auf die Nase binden wie glücklich ich eigentlich gerade bin, denn dann sind doch alle enttäuscht, wenn etwas schief geht. Zum ersten Mal in all den Jahren bin ich völlig verunsichert und merke, ab jetzt kann ich nicht mehr alles kontrollieren. Ab jetzt bestimmt Improvisation & Bauchgefühl mein Leben. Ich kann nicht alles planen, ich kann nicht alles akribisch abarbeiten. Nicht alles wird so laufen wie ich es mir ausmale. Listen abarbeiten, Termine setzen, Großprojekte steuern, alles kein Problem, zumindest in meinem Beruf. Aber mein größtes Projekt liegt gerade vor mir, in Form des positiven Schwangerschaftstestes. Ich brauche Input, ich muss direkt anfangen alle wichtigen Dinge aufzuschreiben die ich in den nächsten neun Monaten dringend benötige. Ich möchte doch, dass alles perfekt ist! Ich muss eine perfekte Mutter sein!

Dies spiegelt nur die ersten Minuten wieder, in denen ich erfahren habe, dass ich Mutter werde. Angst und Sorge, Freude und Glück begleiten mich all die Schwangerschaftsmonate.
Immer wieder steige ich ein in das Gedankenkarussel: „Eine neue Runde, eine neue Wahnsinnsfahrt“, schreit meine innere Stimme wie auf einem Jahrmarkt. Eine Mischung aus Unter- und Überforderung macht sich breit. Ich bin wieder blutige Anfängerin, da muss ich mir die Erfahrung wohl Stück für Stück erarbeiten. Die Zeit bis zur Geburt könnte eigentlich eine rebellische sein: Denn man weiß, es ist das letzte Mal im Leben, dass man nur für sich verantwortlich ist. Doch so einfach ist das nicht. Körperlich ist man vielleicht noch allein, weil man das Kind sicher in seinem Bauch verstaut hat, aber emotional ist es mit der trauten Einsamkeit vorbei.

Nun, meine Schwangerschaft lief – Gott sei Dank – wirklich problemlos und mein Kind ist nun schon drei Jahre alt und alles ist wirklich … alles andere als perfekt. Und das ist auch gut so! Ich bin keine Bilderbuchmutter, ich höre auf mein Bauchgefühl und nicht auf Ratgeber oder all die angeblichen Vorzeigemütter aus der KiTa. Denn wenn ich danach ginge, dann wäre ich täglich damit beschäftigt andere Mütter gemeinsam mit dem „Mütter-Kartell“ schlecht zu machen um mich dann womöglich besser zu fühlen. Weibliche Solidarität ist da oft wirklich Fehlanzeige. Ich glaube viele Mütter wissen wovon ich hier rede.

Wir müssen alle lernen auch mal zuzugeben, dass wir täglich einen Spagat hinlegen. Vergleiche mit anderen Müttern sind absolut verschwendete Zeit, denn natürlich möchte jede Mutter nach Außen strahlen. Doch ich spreche einfach mal aus, was viele von uns Mütter wohl denken, sich aber niemals trauen zu sagen. Eine gute Mutter sagt so etwas nämlich nicht:

Im ersten Jahr Mutterschutz, was habe ich mich da teilweise gelangweilt. Keine
richtigen Gespräche mehr, ständige Bespaßung und keine Zeit mehr für andere
Gedanken als, was spiele ich denn nun mit meinem Kind. Man ist nur damit beschäftigt das Kind zufrieden, sauber und gesund zu halten. Bitte nicht falsch verstehen, ich liebe mein Kind, aber in all diesen Situationen nicht irgendwann zur
absoluten Glucke zu werden ist eine echte Herausforderung. Kinder verändern uns
und unser Leben. Hier noch ein eigenes Leben zu haben und sich nicht irgendwann
in diesem lästernden „Mütter-Kartell“ wiederzufinden, das ist der wirkliche
Spagat.

Aber das liegt nicht an der täglichen Anforderung die ein Kind mit sich bringt, sondern viel mehr an der unglaublichen Liebe die wir für diesen kleinen Menschen empfinden. Wir geben uns, für ein tägliches Lächeln unseres größten Glücks, doch wirklich gern mal auf. Doch liebe Mütter, nicht vergessen. Wir sind Menschen vor allem aber auch Frauen! Wir waren auch schon Menschen und vor allem Frauen, vor unseren Kindern. Wir waren und werden nie perfekt sein. Also, weg mit dem Druck, weg mit der Unsicherheit.