Vom gefühlten Ende einer Kindheit

Vom gefühlten Ende einer Kindheit

4:35 Uhr. Zeit zum Aufstehen. Findet Max. Denn heute ist sein erster Tag im Kindergarten. Da dürfen wir auf keinen Fall zu spät sein. „Maaaaax….“ murmele ich genervt. „Es ist halbfünf. Der Kindergarten ist noch zu.“ „Aber die… die … die… wollen doch… ich muss doch…“, erwidert mein Zweieinhalbjähriger auf der Suche nach dem richtigen Wort, das mich innerhalb von Sekunden aus dem Bett schnellen lässt. Er findet sie nicht und kuschelt sich nochmal an mich, um in meinem Bett tatsächlich bis 6.04 Uhr weiter zu schlafen. – Mehr Geduld kann ich ihm dann wirklich nicht abringen.

 

Nach einem von Max sorgfältig durchgerührten Kakao und einer Schüssel Crispy-Loops – bei der die mit der komischen Farbe alle aussortiert wurden – stehen wir um 7.06 als Allererste vor der KiTa. „Oh!“, werden wir von Jutta, der bereits ergrauten Leiterin der Einrichtung begrüßt. „Da konnte es wohl jemand gar nicht abwarten!“ „Tatsächlich nicht, antworte ich pflichtbewusst und will gerade auch ergänzend erwähnen, wie Max meine Nachtruhe beendet und schon alles vorbereitet hat. Doch ganz Profi beschäftigt sich Jutta bereits mit der eigentlichen Hauptperson: „Sag mal Max, was hast Du denn heute so vor hier bei uns? Möchtest du etwas basteln? Gehst Du gleich mit zum Singen? Kannst Du eigentlich schon alleine zur Toilette?“ Mit riesigen Augen blickt Max in das erwartungsfrohe Gesicht und sortiert erst einmal seine Gedanken, um dann kurz und präzise zu antworten: „Ja.“

 

„Prima“, denke ich, Max scheint sich wohl zu fühlen. Zuhause hätte er kaum umfangreicher geantwortet. Doch ich sollte mich zu früh freuen. Denn als ich nach einer kurzen Einführungsrunde langsam aber bestimmt zum Ausgang komplementiert werde, nimmt das wahre Drama seinen Lauf: Mein Sohn schreit aus Leibeskräften um sein Leben. Ich darf ihn nicht verlassen. Auf keinen Fall darf ich ihn in diesem Haus mit dieser Frau und den vielen unbekannten Kindern allein lassen. – Wohlgemerkt, die unbekannten Kinder sind Tim, Jan, Philipp und Justin aus der Straße, die wir bereits seit dem Babyschwimmen kennen. Und alle haben sie etwas für Max gebastelt, weil er doch jetzt auch in der Igelgruppe ist. Doch das zählt nicht. Mein Sprössling ist sich sicher, hier nicht mehr lebend raus zu kommen. Doch als hätte sie es vorausgesehen, stellt sich mir Jutta in den Weg, als ich meinen kleinen Max vor all diesen Unwidrigkeiten retten und an mich drücken will. „Das ist normal!“, beschwört sie mich in einem ruhigen aber bestimmten Ton. „Bevor Sie vorne durch das kleine Gartentörchen verschwunden sind, ist dieses kleine Drama schon beendet. Und heute Mittag wird er gar nicht nach Hause wollen.“ – „Nicht nach Hause? Mein Sohn? Da kennt sie unsere Verbindung aber schlecht!“, denke ich, doch gleichzeitig befolge ich die „Anweisung“, denn schließlich muss auch ich mich langsam auf den Weg zu meinem ersten Arbeitstag bei meinem alten Arbeitgeber machen. Als ich mich an der besagten Gartenpforte noch mal umdrehe, sehe ich einen völlig verzweifelten, unter Tränen aufgelösten Max an der Fensterscheibe herunterrutschen, der sich seinem Schicksal unter größten Qualen zu ergeben scheint. Es bricht mir fast das Herz. „Du bist eine Rabenmutter. Dieser Junge vertraut Dir. Dein Karma wird dich einholen…“ Die Gedanken rasen durch meinen Kopf, während ich mich mit maximal 35 Stundenkilometern an meinen eigenen Bestimmungsort bewege, ohne die dabei hinter mir entstehende automobile Karawane auch nur wahrzunehmen.

 

Als ich pünktlich um 12.40 Uhr wieder in der KiTa stehe, ist von Max keine Spur. Kein Schluchzen? Keine Hilferufe? Wo ist mein Sohn? Was ist passiert? „Ich kann nicht, Mama!“ lautet die Begrüßung, bei der mich mein Filius keines Blickes würdigt. „Der Tim hat das Puzzle ganz falsch gemacht.“ Aha. Der Tim. Einer dieser Fremden. „Ja. Und jetzt?“, frage ich fordernd. „Jetzt kannst Du ja schon mal nach Hause gehen.“, kontert mein vermeintliches Schreikind. „Hab keine Zeit.“ Glücklicherweise hilft Jutta auch diesmal wieder ein wenig nach und erklärt Max, dass hier im Kindergarten jetzt alles geschlossen wird, aber dass er morgen doch bestimmt wieder kommen würde und darauf könne er sich ja schon mal freuen. Und mit diesen Worten werden wir erneut, sanft aber bestimmt zum Ausgang geleitet, um das Ritual die nächsten zwei bis drei Tage zu wiederholen, bis ich mir – als gute Mutter – in zwei Dingen dann auch wirklich ganz sicher bin: 1. Auch ich kann meinen Sohn mal loslassen. Und 2. Mein Auto schafft mehr als 35km/h auf der Landstraße. Ich freu mich!